nachrichten Wandern und Klettern im wilden Norwegen

Alle Artikel

Wandern und Klettern im wilden Norwegen

Wer einen Ort sucht, um die Aufregung des Alltags loszulassen und dennoch viel mehr tun will, als im Liegestuhl zu bräteln, ist in Norwegen richtig. Mit dem Entdecker- und Abenteuer-Gefühl raus in die Wildnis, die Natur und den eigenen Körper spüren. Hinauf auf diesen stolzen Felsen – wandern oder sogar klettern – und atemberaubende Aussichten geniessen, die man/frau dann auch verdient hat. Die Schweizer Fotografin Myriam Brunner war in Norwegen unterwegs und hat Skyscanner wunderbare Fotos mitgebracht und ein Rucksack voll Eindrücke und Abenteuer, die sie mit uns teilt.

Der Blick in die Landschaften von Norwegen erfüllen mit innerer Ruhe. Es scheint, als ob die Zeit stehen geblieben sei, als ob hinter einem der mächtigen Felsen jeden Moment ein Dinosaurier hervorgucken könnte. Doch es passiert nichts. Exotische Vögel und wild weidende Schafe gucken nur ab und an neugierig, wer sie denn da beobachtet. „Na, auch hier?“ scheinen sie zu sagen und wenden sich dann wieder ab. Vereinzelt sind menschliche Spuren zu finden, bunte kleine Häuschen oder Schiffe, die im Meer schaukeln. Zu hören nichts als der Wind, das Meer, die Vögel und die eigenen Schritte. Ich habe Reisefotografin Myriam Brunner gefragt, welche 5 Tipps sie allen Naturliebenden ans Herz legen möchte, die nach Norwegen reisen.

1. Einsamkeit Finse

Finse in Norwegen lädt zum Wandern ein
Wandern ab Finse: Hier wohnen Stille und Langsamkeit. Credits: my-photo.ch

Es gibt sie noch, die Orte, wo man mit dem Auto nicht hinkommt. Einer davon heisst Finse in Norwegen. Statt einer Strasse gibt es eine Bahnlinie. Der kleine Bahnhof Finse auf 1’222 m ü.M. ist der höchstgelegene des Landes. Entstehungsgrund des kleinen Ortes ist die Bahnstrecke von Bergen nach Oslo. Wer von Bergen mit dem Zug nach Finse fährt, ist 2.5 Stunden unterwegs. Mit dem Mietauto könnt ihr aber bis Geilo fahren. Die ganz wilden unter euch fahren von da mit dem Fahrrad oder gehen zu Fuss zum Bergdorf hoch. Doch besonders schön ist die Bahnreise ab Geilo – wenn ihr es schafft, ein Ticket zu lösen! Myriams Erfahrungen zum Ticketkauf:

Wenn im Bahnhofshäuschen in Geilo niemand anzutreffen ist und der Ticketautomat meldet, die Fahrt nach Finse sei ausverkauft, geht zurück ins Dorf Geilo zur Kunden-Info, dort steht ein PC, mit dem ihr das Ticket lösen könnt. Plant jedoch genug Zeit dafür ein, denn ihr müsst ein Konto erstellen und das Ticket euch via E-Mail aufs Handy schicken lassen. Bis das E-Mail kommt, dauerts und ihr müsst in der Kunden-Info darauf warten, denn unterwegs zum Bahnhof habt ihr keinen Handyempfang …

Wie dem auch sei, in Finse angekommen, ist jeglicher Ticket-Stress vergessen. Abseits der Zivilisation liegt dieses Dörfchen, das nicht wirklich eines ist. Myriam beschreibt es so:

Finse schaut aus wie im Wilden Westen, so à la Lucky Luke Bahnhof 😉 Es gibt nur ein Café und ein kleines Hotel, vermutlich für alle, die den letzten Retour-Zug verpasst haben.

In Finse sind Stille und Langsamkeit zu Hause, unterbrochen nur zwei- bis dreimal täglich vom ankommenden Zug, der ein paar Wanderer und Biker auslädt. Nach wenigen Minuten ist der Ort wieder leer und die Menschen verteilen sich in die Weite der Natur. Die Wege in die Abgeschiedenheit locken zum Loswandern Richtung Gletscher. Und immer wieder innehalten und staunen über die Stille und die Schönheit der Farbenspiele, der Muster, die das Gletscherwasser bildet. Hier findet ihr Einsamkeit und Andersartigkeit wie auf einem anderen Planeten. Geniesst das Nichtvorhandensein von alldem, was euch im Alltag umgibt und spürt die innere Ruhe, die sich in euch ausbreitet mit dem gleichzeitigen Drang, noch mehr davon zu sehen. Myriam erzählt:

Wir wollten die Gletscherzunge sehen und sind dem Wanderweg im Führer gefolgt. Leider war die Hängebrücke über dem reissenden Weg abgerissen und wir fanden keine Möglichkeit, das Wasser zu überqueren. Die Natur ist aber auch ohne Gletscher extrem eindrücklich.

Gletscherwasser von oben nahe Finse in Norwegen
Unterwegs ab Finse: Das Gletscherwasser bildet kunstvolle Muster und Farbenspiele.
Credits: my-photo.ch

2. Klettergebiet Fiskesleppet

Felsen zum Klettern in Fiskesleppet, Norwegen
Fiskesleppet: Da auf diesen Fels hinauf ist das Ziel! Credits: my-photo.ch

Wer lieber höher hinaus will und dem Klettern mächtig ist, dem sei Fiskesleppet zu empfehlen. Gummistiefel im Gepäck sind ratsam, da es durch einen Sumpf geht. Später aber findet man wunderbare Felsen mit bis zu 23 m Höhe und diverse Klettermöglichkeiten. Aber Achtung, Klettern in Norwegen ist nichts für Warmduscher! Myriam erzählt:

Das Klettern in Fiskesleppet fühlt sich alpin an. Das norwegische Wetter ist unberechenbar. 
Kaum hatten wir alles eingerichtet, um den Fels zu besteigen, zogen Wolken auf und es begann zu regnen. Wir haben uns in die Holzhütte nebenan verkrochen, die offen stand. Wir blieben positiv und wollten warten, bis diese Wolken wieder abziehen, was auch nach ca. 20 Minuten geschah. 
Erneuter Versuch. Die Nässe am Fels und der starke Wind machen das Halten am kalten Fels nicht einfach. Wir haben uns für eine einfache Route entschieden. Wind und Kälte geben aber das Gefühl, als ob du auf 3000 Metern Höhe herumkrackselst 😉 

Ich habe Myriam gefragt, wie es sich denn so anfühlt, mitten am Fels zu kleben:

Mitten in der Wand zu sein, ist für mich ein sehr achtsames Gefühl. Ich bin im Hier und Jetzt und konzentriere mich auf diesen Quadratmeter Fels, der gerade vor mir ist und überlege mir den nächsten Zug, der mich weiterbringt. Jegliche Gedanken der Arbeitswelt sind abgeschaltet und nicht mehr relevant. 

Was ist es für ein Gefühl, hinunterzublicken?

Während dem Klettern blicke ich nicht nach unten. Das würde mich total aus der Ruhe bringen. Wie auch der Gedanke, wo oder auf welcher Höhe ich gerade bin.

Und wie fühlt es sich an, oben angekommen zu sein?

Erfüllt mit innerer Ruhe und Freiheit. Jetzt nehme ich mir auch die Zeit, ringsum zu blicken und geniesse die Weite, wie sie sonst wohl nur Vögeln und Steinböcken vorbehalten ist.

Aussicht von Fiskesleppet
Fiskesleppet: Oben angekommen wartet ein traumhafter Blick in die Weite.
Credits: my-photo.ch

Fiskesleppet liegt am Nordsjøløypa, einem Wanderweg entlang der Küste. Unsere Outdoor-Abenteurerin hat es sich nicht nehmen lassen, nach der Kletterei noch eine Stunde der Küste entlang zu wandern und wieder zurück. «Die Wege sind aber wild und gehen über Stock und Stein», warnt sie. Also nichts für müde Beine.

3. Geiheimtipp Tittelsnes

Fischerhäuschen und Fischerhafen in Tittelsnes, Norwegen
Tittelsnes: Nur kleine Fischerhäuschen mit einem Mini-Fischerhafen. Credits: my-photo.ch

Etwas vom Schönsten am Reisen sind die ungeplanten Entdeckungen. So geschehen unserer Norwegen Wander- und Kletter-Expertin Myriam. Sie erzählt:

Eigentlich lag Tittelsnes nur auf der Durchreise. Da wir aber eine Pause brauchten, beschlossen wir dort rauszufahren. Was für eine fantastisch dramatische Stimmung über dem Fjord! Kaum eine Menschenseele. Nur kleine Fischerhäuschen mit einem Mini-Fischerhafen.
Von Tittelsness lohnt es sich, an der Küstenstrasse entlang weiter zu gehen oder zu fahren. Bis auf eine kleine Schafsherde auf der Strasse und einer Rehfamilie im Vorgarten eines Häuschens haben wir nur noch eine Joggerin angetroffen. Sonst genossen wir die absolute Einsamkeit.

Schwarzweisser Vogel auf Steg
Tittelsnes gehört dem Wind, dem Meer und den freilebenden Tieren. Credits: my-photo.ch

4. Der legendäre Preikestollen

Aussicht vom Preikestollen in Norwegen
Preikestollen: Ein Luftsprung in der Freiheit. Credits: my-photo.ch

Der Preikestolen, auf Deutsch «Felskanzel» ragt 604 Meter über den Lysefjord. Der Aufstieg gehört zu den berühmtesten Bergtouren Norwegens. Die acht Kilometer lange Strecke beginnt in der Berghütte Preikestolen Fjellstue. Für diese leicht anspruchsvolle Rundwanderung, die 500 Meter hoch ansteigt, solltet ihr gemäss unserer Fotografin etwa 4 Stunden – «ohne Fotografiepausen» einplanen. Die Wanderung ist von mittlerem Schwierigkeitsgrad. Einige Etappen sind steil. Da die Wanderung sehr beliebt ist, der Tipp von Myriam: «Unbedingt um 4 Uhr in der Früh los wandern!»

Morgens um 4 Uhr aufzustehen ist für die meisten nicht das liebste Ferienprogramm. Wenn man jedoch Myriam zuhört, wie sie davon erzählt, wird genau das zum magischen Geheimtipp:

Um 4 in der Früh los zu wandern ermöglicht dir, «mit dem Tag zu erwachen». Die Tiere beginnen sich zu regen, erste Vögel zwitschern, der Morgennebel liegt flach über dem Moorgebiet und hängt zwischen den Bäumen, Tautropfen liegen noch in den Spinnennetzen. Du bist alleine in der Natur, was dir eher ermöglicht, sie mit ihren Details wahrzunehmen oder zu beobachten. Später im Tag gibt es Ablenkungen durch Flugzeuge, Lieferwägen, Menschen etc. 
Es ist wundervoll, der Sonne entgegen zu wandern und die Natur im Gegenlicht vor buntem Himmel zu geniessen. Es fühlt sich einfach alles noch so frisch und leicht an.
Und das Aufstehen fällt leichter, wenn du einmal weisst, welche Begegnungen dich am frühen Morgen erwarten …

Zwei Wanderer in nebliger Waldlandschaft
Der Tag erwacht. In der Früh unterwegs zum Preikestollen. Credits: my-photo.ch

Das frühe Aufstehen wird mit diesem Naturschauspiel belohnt:

Sonnenaufgangs über dem Lysefjord auf dem Preikestollen
Das strahlende Licht- und Farbenspiel des Sonnenaufgangs über dem Lysefjord auf dem Preikestollen. Credits: my-photo.ch

Falls ihr euch also überwinden könnt, einmal in den Ferien früh aufzustehen, diese Wanderung auf keinen Fall streichen!

5. Entspannung in Glesvær

Häuser und Boote in Glesvær, Norwegen
Glesvær: ein Fischerdörfchen wie aus dem Bilderbuch. Credits: my-photo.ch

Das Fischerdorf Glesvær liegt malerisch in einer schützenden Bucht. Das offene Meer mit kristallklarem Wasser liegt nur fünf Bootsminuten entfernt. Damit ist Glesvær auch Ausgangspunkt für Angeltouren und Sporttaucher, im Sommer wie im Winter. Kletterqueen Myriam beibt lieber über dem Wasser. Dennoch hat sie sich auch in Glesvær verliebt:

In Glesvær habe ich ein für mich typisches, süsses, norwegisches Café gefunden: Liebevoll eingerichtet, Kunst an den Wänden, Theke mit Kuchen, diversen Kaffee-Sorten und Regale voll mit witzigen, nützlichen und weniger nützlichen Reiseartikeln und Souvenirs. Und es war wunderbar, einfach mal mit der Kamera loszuzotteln und sich in den Details des Fischerhafens zu verlieren ..

Hier könnt ihr euch also von den Abenteuern erholen und einfach mal Kaffee trinken, Postkarten schreiben und das Erlebte revue passieren lassen.

Abschliessend habe ich Myriam gefragt, was rückblickend die absoluten Pluspunkte fürs Wandern in Norwegen sind:

1. Die Schönheit des Landes: Wilde Küsten mit Fjorden und Bergen, Sümpfe, von Gletschern geprägte Felslandschaften.

2. Gut erschlossen: Viele Fjord-Gebiete sind befahrbar, da es viele Hängebrücken und gut ausgebaute Tunnels hat. In den Tunnels befinden sich sogar Kreisel, von wo aus in alle Himmelsrichtungen weitergefahren werden kann.

3. Abseits der Menschenmengen: Es ist möglich, schnell ganz alleine in der Natur zu sein.

4. Wander- und Kletterparadies: Unzählige Möglichkeiten, querfeldein zu wandern. Kletterrouten aller Schwierigkeitsgrade.

5. Weitläufigkeit und Wildnis: Norwegen ist Natur pur über lange Distanzen.